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Die Vier Farben des “Arabic Dreams”

GB Geo-Blog

Die Vier Farben des “Arabic Dreams”

Erinnern Sie sich an Krzysztof Kieslowskis Filmtrilogie, die in den Neunzigern die Kinos fuellte? “Drei Farben: Blau” (1993), “Drei Farben: Rot” (1994) und “Drei Farben: Weiss” (1994) waren mit viel Sinn fuer Psychologie komponierte episch-poetische Dramen ueber Themen der conditio humana — sei es Freundschaft, Freiheit oder Einsamkeit. Blau, rot und weiss waren leitmotivische Symbole, die die Filme durchzogen und der Trilogie einen gesamtkunstwerkhaften Charakter verliehen. Das war wahrlich grosses europaeisches Kino!

Cut.

Wir schreiben das Jahr 2009. Unser Blick schweift von good old Europe gen Suedosten. Dort, irgendwo, fernab von den Narrativen des Okzidents, steht rot fuer Sicherheit, weiss fuer Frieden, gruen fuer Wohlstand und schwarz fuer Oel. Wo genau? Auf der Flagge der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE). Was bedeuten diese Farben? Vielleicht den “Arabic Dream.”

Dubai verkoerpert jenen kolorierten Vierklang in eindrucksvoller Weise. Die Stadt, eines der sieben Emirate, die sich 1971 zu den VAE zusammengeschlossen haben, ist ein Sammelsurium der Superlative. Was vor 20 Jahren noch quasi eine grosse Oase in der Wueste mit einigen wenigen grossen Verbindungsstrassen war, ist heute eine Polis mit mehr als einer Million Einwohnern.

In Dubai kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus: Hier, mitten in der Wueste, steht eine gigantische ueberdachte Skianlage mit echtem Schnee und fuenf verschiedenen Abfahrten. Das eindrucksvolle 7-Sterne-Hotel Burj Al Arab, auf dessen Dach Agassi und Federer Tennis gespielt haben, ist eines der Wahrzeichen der Stadt. Im Dubai Mall, der groessten Einkaufsanlage der Welt, kann man in einer gigantischen Anzahl von Markenlaeden — von Sony ueber Chopard zu Galeries Lafayette — shoppen und sich anschliessend beim riesigen Aquarium oder auf der Eislaufanlage entspannen. Schliesslich steht natuerlich in Dubai das hoechste Gebaeude der Welt, das Burj Dubai.

Die schwindelerregende Aufzaehlung koennte beliebig fortgesetzt werden. Dubai strotzt vor Stolz, Energie und Selbstbewusstsein. Das Gruen des Wohlstands wurde und wird hier in atemberaubender Geschwindigkeit aus dem Boden gestampft. An keinem anderen Ort der Welt gibt es mehr Baukraene als hier. Und sobald ein Projekt gruenes Licht bekommt, wird es in kuerzester Zeit verwirklicht. Zur Illustration: Der Bau des Burj Dubai wurde vor 5 Jahren begonnen und wird voraussichtlich bis September dieses Jahres abgeschlossen sein. Dagegen ist — fast 8 Jahre nach dem 9. September 2001 — die Baustelle am World Trade Center immer noch ein leerer Platz.

Wer aber gibt eigentlich das gruene Licht fuer Projekte in Dubai? Tja, das ist wohl letzten Endes das Schwarz in der Farbengleichung: Die Al-Maktoun-Herrscherfamilie sowie einflussreiche Scheichs bilden de facto das Letztentscheidungsgremium im Hinblick auf Projekte und Investitionen. Das Oel gibt den Ton an und hat es dem Emirat Dubai ermoeglicht, in wenigen Jahrzehnten quasi aus dem Nichts ein sich rasant entwickelndes Handels-, Finanz- und Tourismuszentrum im Nahen Osten aufzubauen. Jenseits traditioneller Werte spuert man in Dubai ueberall den Hauch der Konsumideologie: Es fahren die luxurioesesten Autos auf den Strassen, die Einkaufsparadiese sind perfekt choreographiert, und die Hotels sind vom Feinsten. Qualitaet — jedenfalls in den Vorzeigegegenden Dubais — wird gross geschrieben.

Markiert der Glaube an Wohlstand, Luxus und Sicherheit den “Arabic Dream” des 21. Jahrhunderts?

Da werden einige gleich sagen: Aber was ist mit den arabischen Laendern, z.B. im Maghreb, die kein Oel haben? Wie passt die Tatsache, dass man in Dubai oft einen Monat auf den Handwerker warten muss, obwohl die Wasserleitung dringend repariert werden muesste, zum Wohlstandsgedanken? Und wie verhaelt sich die Guenstlingskultur, in der dem Freund oder netten Bekannten eine Stelle angeboten wird, die eigentlich oeffentlich ausgeschrieben werde muesste, zum Postulat des offenen Wettbewerbs?

Ineffizienz, Nepotismus und Korruption gehoeren in den meisten offenen Marktwirtschaften zum System und koennen nicht darueber hinwegtaeuschen, dass sich in den VAE — im Schatten des Oels sozusagen — eine dynamische, kreative und sehr investitionsfreundliche Markwirtschaft herausgebildet hat. Anders als im Deutschland des Wirtschaftswunders, wo sich die soziale Marktwirtschaft etabliert hat, und anders als etwa in Hong Kong, wo freie Marktwirtschaft praktiziert wird, kann man in Dubai eine Art protektionistischer Marktwirtschaft ausmachen, die sich im Hinblick auf ihre Ideale stark an den Westen anlehnt.

Der American Dream war in seiner Genese vom Pioniergeist der Gruendungsvaeter gepraegt, die in den USA etwas Neues, etwas Besseres als Europa, schaffen wollten. Pointiert gesprochen ist der “Arabic Dream” von Dubai quasi eine Neuauflage des American Dreams im 21. Jahrhundert — er will etwas Besseres schaffen als Europa und die USA zusammengenommen, indem er die europaeischen und amerikanischen Markt-, Konsum- und Geschmacksmodelle qualitativ und quantitativ einfach weiterzuentwickeln und zu intensivieren versucht.

Ist der “Arabic Dream” smart? Ja. Schon frueh haben die Emirate erkannt, dass Oel endlich ist und daher seine Bedeutung fuer die Gesamtwirtschaft von einst 100 Prozent auf etwa 60-70 Prozent heruntergefahren und neue Industriezweige, z.B. Tourismus, Immobilien oder Medien, geschaffen. Zugleich versucht man, dem Brain-Drain einen Riegel vorzuschieben. Bisher kamen qualifizierte Arbeitskraefte aus dem Westen, blieben drei oder vier Jahre und gingen mit einem Koffer voller Geld wieder nach Hause. Im Zuge der “Emiratisierung” wird nunmehr zunehmend einheimischen Bewerbern der Vorzug gegeben bei Stellenausschreibungen, und es wird fleissig in Bildung investiert. Der “Arabic Dream” wird quasi repatriiert.

Ist der “Arabic Dream” des Traeumens wert? Das kommt wohl drauf an, wen man fragt. Er hat der Wirtschaftskrise natuerlich auch seinen Tribut zahlen muessen, aber viele — gerade in den VAE — wollen den Traum mehr denn je weitertraeumen. Dubai ist voller neuer ambitionierter Projekte. Dennoch sind die Farben des “Arabic Dreams” anders als Kieszlowskis Farben. Kieslowskis Farben sind narrativ, die Farben Dubais sind instrumental. Die europaeische Trilogie scheint vielleicht etwas dramatischer, innerlicher und emotionaler zu sein. Der Vierklang Dubais ist wohl ein wenig materieller und funktionaler. Es ist also eine Frage des Blickwinkels, aus welchem Stoff Traeume sind.

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