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Wie schlau sind die Ökonomen?

GB Geo-Blog

Wie schlau sind die Ökonomen?

Die Finanzkrise seit Herbst 2008 hat uns vor die Frage gestellt, ob die Ökonomen eigentlich ihr Handwerk beherrschen. Bisher haben sie auf die restliche Welt, auf uns „Laien“, heruntergeschaut. Heute müssen wir uns fragen, ob diese Leute wissen, wie die Wirtschaft tatsächlich funktioniert, vor allem die Weltwirtschaft.

Wer vor dem Kollaps von Lehman Brothers nachfragte, ob diese vielen neuen „Finanzprodukte“, diese zusammengewürfelten Pakete von abenteuerlich hoch verzinsten Finanztiteln, seriös sind, ob sie ein akzeptables Risiko darstellen, wurde von den Investmentbankern und ihren super-schlauen Finanztheoretikern ausgelacht.  Heute müssen wir fragen, wieviel Schaden angerichtet wurde und noch wird, weil das Denken dieser ökonomischen Eliten und der auf sie vertrauenden Politiker schlichtweg falsch war — und eventuell noch in der aktuellen „Bewältigung der Krise“ falsch ist.

Dabei ist der Kollaps der New Yorker und der Londoner Investmentbanker keineswegs der erste Groß-Pfusch dieser Leute. In den 1950er Jahren (und sogar noch ein wenig später) haben uns einige ökonomische Schlauberger vorgerechnet, daß die sowjetische Volkswirtschaft innovativer ist als diejenige der USA und Westeuropas. Man hielt die neue Sowjetunion für zukunftsträchtig. Der Sputnik flog (1957). Die Sowjets hatten mehr Ingenieure als der Westen. Und sie gingen bei der Entwicklung ihrer Volkswirtschaft „planmäßig“ vor. Diese Wirtschaftsplanung würde das „Chaos“ der Märkte bald in den Schatten stellen. So meinten viele westliche Intellektuelle, von denen viele noch nicht einmal Kommunisten waren. Die CIA übernahm ihre Parameter und produzierte idiotische Analysen der Sowjetwirtschaft, wie sich später herausstellte. Den Anteil der Rüstung an der sowjetischen Volkswirtschaft taxierte sie auf etwa 10 Prozent, obwohl er in Wirklichkeit bei 25 oder mehr Prozent lag.

Die Idee einer geplanten Wirtschaftsentwicklung – angeführt von der Schwerindustrie und  kontrolliert durch staatliche Behörden – wurde als Modell für die Entwicklungspolitik in der Dritten Welt genommen. Die Folgen sind bekannt. Das Elend im heutigen Afrika ist eine unmittelbare Konsequenz dieses Denkens, wie die junge schwarzafrikanische Ökonomin Dambisa Moyo („Dead Aid“ erschienen 2009) jüngst betonte.

Daß man den wirtschaftlichen Kollaps des Ostblocks nicht genau vorhersagen konnte, ist aus wissenschaftlicher Sicht verständlich. Viel schlimmer ist, daß man diesen Kollaps im Rückblick nicht ökonomisch erklären konnte – und vor allem nicht erklären wollte. Denn dabei hätte man die eigenen analytischen Fehler eingestehen müssen! Die wissenschaftliche Öffentlichkeit und die Medien haben diese Verweigerung leider akzeptiert, und zwar in einem Ausmaß, das in den naturwissenschaftlich-technischen Wissenschaften undenkbar wäre. Dort gibt es eine andere Praxis, mit Fehlern umzugehen. Nach jedem Flugzeugabsturz erfolgt eine genaue technisch-wissenschaftliche Untersuchung der Ursachen. Man will die gleichen Fehler nicht wiederholen. Man will aus Fehlern lernen und den Luftverkehr künftig noch sicherer machen. Warum soll das gleiche Prinzip nicht für die Ökonomen gelten! Wo bleibt das post mortem der Sozialwissenschaften, einschließlich der Ökonomen, die uns die „entwickelte sozialistische Gesellschaft“ als gleichermaßen modern wie die westliche verkauft haben (Theorie der Konvergenz)? Hätten sich diese Leute nicht wenigstens für ihre unsinnige „Wissenschaft“ entschuldigen müssen? Darauf warte ich immer noch.

Dann kam der ökonomische Umbau der ehemaligen Ostblock-Volkswirtschaften. Mit diesem Problem hatte sich kaum jemand systematisch befaßt. Niemand wußte, wie man aus einer staatskommunistischen Kommandowirtschaft eine liberale Marktwirtschaft hervorbringt.  Wozu auch, wenn der Sowjetsozialismus als stabil und modern galt? Gleichwohl gab es 1989 eine ganze Riege von Schlaubergern, die mit ihren „wissenschaftlichen Rezepten“ zu Stelle waren. Die einen verordneten eine Roßkur der Privatisierung. Die anderen wollten möglichst wenig ändern und den ehemaligen Ostblock von den Weltmärkten fernhalten – da er doch bisher ohne Kontakt zur freien Weltwirtschaft so gut funktioniert hatte. Dabei ignorierte man, daß sich die chinesischen Kommunisten – ausgerechnet diese! – längst auf den langen Marsch in die Marktwirtschaft gemacht hatten.

Heute, nach 20 Jahren, sehen wir die Folgen dieser falschen ökonomischen Konzepte und Rezepte. In Rußland hat sich eine Mischung aus Staatswirtschaft, Mafia und Stagnation herausgebildet. Der immense Reichtum an Rohstoffen alimentiert den Staatsapparat einer repressiven Halbdiktatur. Davon profitiert eine neue Wirtschafts- und Finanzelite von ungehobelten Milliardären, die sich teilweise aus der kommunistischen Mafia der Breschnew-Zeit, teilweise aus dem KGB-Milieu entwickelte. Einen Fortschritt in Richtung Demokratie und Marktwirtschaft kann man das kaum nennen. Im übrigen Osteuropa kam es zu einer extrem ungleich verteilten, reichlich schleppenden Modernisierung mit extremer Verschuldung und endlosen Subventionen durch die Europäische Union. Selbst in Deutschland, das (im Unterschied zum östlichen Europa) über einen effizienten und weitgehend korruptionsfreien Staatsapparat verfügt, wurden bei der Modernisierung Ostdeutschlands viele Milliarden Euro verschwendet, weil man falschen ökonomischen Rezepten vertraute.

Mir ist durchaus bekannt, daß es in der Ökonomie sehr verschiedene Schulen und Denkweisen gibt. Daß manche Wissenschaftler die Realitäten besser verstanden und weniger Fehler begingen als andere. Ich kann sehr wohl zwischen good guys und bad guys unterscheiden, wenn auch vermutlich nicht immer. Und meine Frage ist nicht: Warum können die Ökonomen keine besseren Rezepte für die Lösung der Weltprobleme finden? Wir sollten ohnehin keine überzogenen Erwartungen gegenüber der modernen Wissenschaft haben, auch nicht gegenüber den Ökonomen. Meine Frage ist vielmehr: Warum sind sie so arrogant? Warum behaupten sie, die großen Probleme zu verstehen und zu lösen, wenn sie doch in Wirklichkeit genauso im Nebel stochern wie andere Sozialwissenschaften auch? Warum nutzen sie die große Finanzkrise von heute nicht, um sich an die eigene Brust zu klopfen und ein öffentliches mea culpa auszusprechen? Und um ihr Verständnis von Wissenschaft endlich in Ordnung zu bringen.

Wenn meine Vermutung richtig ist, daß wir die große Finanzkrise zu einem erheblichen Teil den Ökonomen verdanken – ich meine die schlechten und die arroganten –, dann hat die Ökonomie als Wissenschaft eine Verpflichtung zur Selbstkritik. Und diese Kritik muß laut, öffentlich und in einer verständlichen Sprache vorgetragen werden, damit jeder sehen kann, wie und von wem die genannten Fehler gemacht wurden und welche Konsequenzen daraus zu ziehen sind.

Wenn wir also durch falsches ökonomisches Denken in die Krise geraten sind, müssen wir angestrengt nachdenken. Denn mit den vielen Milliarden an „Rettungspaketen“ und Subventionen, mit denen man aktuell in Washington, Berlin, London und anderswo um sich wirft, werden wir keine bessere Wirtschaftspolitik finden. Davon bin ich zutiefst überzeugt. Wir werfen nur gutes Geld dem schlechten nach. Und wir verschlimmern die gigantische Überschuldung unserer Staaten und Gesellschaften. Unsere Probleme sind mit Geld nicht zu lösen. Sondern nur mit Verstand. Mit besseren Ideen und Konzepten. Mit einem großen Umdenken auf allen Seiten.

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